IStell dir vor, du befindest dich in einem Cafe, was nicht brechend-, aber etwas voll ist. Du befindest dich in einem interessanten Gespräch, z.b. mit einer Kollegin die du magst aber nicht so gut kannst. Gleichzeitig arbeitest du auf einem Laptop und muss Dateien organisieren, die Namen von den Dateien ändern, und versuchen dort eine Ordnung zu schaffen, die andere Menschen verstehen können.
Die Kellnerin kommt und fragt nach der Bestellung, und plötzlich merkst du wie laut die Hintergründ-Geräusche sind – Menschen die sich unterhalten, Pop-Musik – und dass diese nun für dich präsenter sind. Und die Kellnerin spricht eine andere Sprache als die, die du im Gespräch mit der Kollegin benutzt, und die Sprache vom Laptop und die Dateien ist eine weitere, dritte Sprache. Und du musst für die Kollegin übersetzen, aber die Kellnerin stellt immer weitere Fragen zur Klärung, und die Kollegin wird ungeduldig. Die Kellnerin scheint dich aber nicht zu verstehen und du musst die Kollegin immer wieder fragen, und dabei alles übersetzen in der Sprache von der Kellnerin. Währenddessen wird die Musik und Hintergrundlärm immer lauter. Vielleicht fliegt jetzt eine Fliege immer um dich herum und landet immer wieder auf dich. Oder die Sonne knallt in den Fenstern und blendet dich. Oder ein Baby fingt an laut zu weinen…so in dieser Richtung.
So fühlt sich das Leben jeden Tag an für vielen neurodivergenten Menschen. Natürlich erleben alle Menschen Sinnesüberladung, und manche von uns, auch Autist_Innen, sind sensationssuchend. Aber dies ändert sich auch von Tag zu Tag, wie viel wir wollen, ertragen können, auch von einem Tag bis zur Nächsten. Manchmal sind Menschenmengen völlig OK, oder nervige Hintergrundgeräusche, oder Etiketten in unsere Klamotten. Und für manche von uns sind und bleiben diese Dinge unerträglich. Unsere Kontext (ein Thema worüber ich später schreibe) beeinflusst wie sensibel wir sind. Hunger, hormonelle Schwankungen, andere Arte von Überforderung oder Stress oder Belastung, beeinflusst wie viel wir ertragen können, wie sensibel wir sind. Wenn wir krank sind, müde sind, viele andere Stressfaktoren in unserem Leben haben, oder einfach Hunger haben, werden wir einfach viel schneller und leichter überfordert.
Auch spannende oder schöne Situationen wie ein Familienfeier, große Veranstaltung, Tagung, oder auch nur ein tiefes Gespräch, brauchen Zeit verarbeitet zu werden, und wir müssen uns oft „erholen.“ Auch wenn wir eigentlich Menschen mögen oder sogar extrovertiert sind, wenn wir Menschen spannend finden, auch wenn wir ungeschickt oder planlos wirken, können soziale Interaktionen, gerade mit mehr als einer anderen Person gleichzeitig, auch wenn die spannend sind, überfordernd sein. Auch wenn solche Interaktionen wichtig sind und uns gut tun, können die auch überfordernd sein.
Dann brauchen wir mehr Zeit um die Information, die in uns reingekommen ist zu verarbeiten. Die Lieder oder Gespräche die wir erlebt haben können stundenlang durch unsere Köpfe klingen, auch wenn die schön oder positiv waren. Die sind trotzdem aufregend! Die „füllen uns auf.“ Wir haben wahrscheinlich nie gelernt, dass das Teil von unserer andere neurologischen Struktur ist. Auch wenn wir eine offizielle Diagnose hatten. Stattdessen haben wir gelernt, dass unsere „Sensibilität“ ein Problem war die wir „lösen“ können oder ignorieren sollen oder uns „abhärten“ oder „ertüchtigen“ sollen. Je nach dem, wie unser Kultur/Familienkultur war haben wir vielleicht „sei ein Mann“!“ gehört oder erzählt bekommen, dass wir „egoistisch“ oder „dramatisch“ sind, dass wir „aufhören zu weinen“ sollen etc. (das Buch Drama Queen von Sarah Gibbs beschreibt das sehr gut).
Menschen die tatsächlich mehr Schmerzen spüren, oder die körperliche Sensationen oder Emotionen nur schwer oder versetzt wahrnemen und identifizieren können, oder Menschen die von solchen Emotionen oder Sensationen überfordert sind, werden oft nicht ernst genommen. Auch wenn wir Schmerzen oder Sensationen spüren die tatsächlich ernst zu nehmen sind und dringend untersucht werden sollen. Und der Fakt, dass viele von uns öften an autoimmune Krankheiten, chronische Schmerzen, oder andere Gesundheitsprobleme leiden, sollen viel mehr Aufmerksamkeit in der Gesellschaft bekommen.
Und gerade hochmaskierte Autist_Innen haben oft sehr früh gelernt, dass überladen zu sein einfach zu akzeptieren ist, normal ist. Wenn wir es immer wieder erleben, dass unsere Bedürfnisse „zu viel“ sind, lernen wir zu ignorieren dass es zu laut, zu hell, zu viel ist, und auch körperliche Stress und Verspannung auszublenden. Vielleicht wollen wir unter Menschen sein oder einen Job machen was unsere besondere Interessen ansprechen, und diese Dinge tun uns ja gut, aber wir wissen oft nicht wie viel zu viel ist. Und auch andere Erlebnisse oder Sensationen sowie unsere Bedürfnisse nach mehr Ruhe oder Regeneration, nach regelmässige Malhzeiten oder genug Schlaf, nach Bewegung , Entspannung…können alle zu einer chronische Überladung die uns schadet.
Ein Organismus was in konstanter Stress und Überladung ist, was sich nie wirklich regulieren kann um diesen Stress um den Stress zu entkommen, wird Schutzmechanismen entwickeln, um sich zu schützen.
Das ist ein weiterer Grund warum eine korrekte Diagnose so früh wie möglich lebensnotwendig ist. Und korrekte Information wie unsere Neurologie funktioniert.