Zischen, nicht Beißen: der Fabel vom Cobra

Ein aggressiver Kobra hat bei den Jungs im Dorf länger so viel Furcht erregt, dass die sich nicht getraut haben seinem gesamten Revier zu nähern.

Eines Tages ging ein Mönch auf Almosenrunde durch den Dorf. Ein Junge warnte ihm, nicht in den Gebiet zu gelangen wo die furchtbare Schlange sich aufhielt.  Der Monch beruhigt den Jungen beruhi dass er sich keine Sorgen machen musste, weil er ein Mantra kannte, was die Schlange friedlich machte.  Und das stimmte:  als die Schlange nach vorne kroch, um den Mönch anzugreifen, tönte der Mönch seinen Mantra und die Schlange ist sofort friedlich geworden.  Dann hat der Mönch die Schlange eine Dhamma-Rede gehalten und erklärte ihm, dass er kein Lebewesen was antun soll.  Die Schlange hat verstanden.  Aber sobald die Dorfjungs erfahren haben,  dass die Schlange nicht mehr aggressiv war, fingen die ihm an zu ärgern.  Es eskalierte sich bis ein Junge die Schlange hochgehoben hat und sie gegen einen Stein geschlagen hat bis sie reglos da lag.  Erstaunlicherweise überlebte die Schlange diesen Angriff und als sie sich wieder bewegen konnte und den Mönch begegnet hat war der ehrwürdiger schockiert über ihren Zustand.  Der Kobra war überrascht wegen seiner Reaktion und sagt, aber du hast mich gelehrt, friedlich zu sein!  Ja, habe ich, erwiderte der Mönch, ich habe dir gelehrt, nicht zu beißen, aber ich habe nicht erzählt, dass du nicht zischen sollst!

(Link Dhamma-Talk von Ajahn Brahm auf Englisch)

Mich richtig zu verteidigen ist eine lebenslange Praxis für mich.

Wie der Kobra haben wir alle gelernt, mit Beissen zu reagieren wenn jemanden auf uns tritt.  Das ist eine natürliche, reflexive Reaktion für alle Lebewesen.  Wir haben einen Körper und dieser Körper verteidigt sich, will überleben. Ist doch besser aus platt getreten zu werden!

Neurodivergente Menschen gewöhnen uns sehr früh,  „abgeschrieben“ oder ignoriert zu werden (mehr dazu mit anderen Fabeln wie Cassandra oder Kaisers neue Kleider).  Aber wir werden genauso häufig tatsächlich angegriffen.  Manchmal ist das eine subtile Abwertung oder Mobbing –   wie „Prinzessin auf der Erbse“ – aber wie die Schlange werden wir angegriffen weil wir „danach gebettelt habe.“

Wenn wir andere Tiere als Metaphor oder Sinnesbilder für unser Schutzinstinkte bei Gefahr, sehen wir die gleiche Funktion bei Tiere die wegrennen („Flucht“ Reaktion), die starr werden auch wenn die Scheinwerfer vom Auto immer näher kommen („Einfrieren“ oder „Totstellen“) aber auch welche die versuchen den Täter oder Angreifer zu gefallen („Fawn,“ eine Art „chronische Unterwerfung“) und keine eigene Grenzen oder Bedürfnisse haben. Diese Zustände werden bei Traumata chronisch, auch wenn „Fawn“ oft nicht erkannt wird. (Danke Pete Walker für diese Schutz-Typen; mehr über komplexer Traumata später)

Wir Menschen sind ja Tiere, mit Instinkte und Hormonen und Chemie, und diese unterbewusste Schutzmechanismen sind dass, was unser Vorfahren am Leben gehalten haben.  Die sind ja Teil unser Natur, aber wir haben auch ein Gehirn was reflektieren kann, lernen kann, analysieren und entscheiden kann und auch eine bessere Handlung suchen als nur Instinkt.  Durch unsere Intelligenz, aber auch unser Natur als sozialen Wesen, können wir lernen und wachsen.  Auch wenn unsere „Divergenz“ und vielleicht „leichte Beute“ macht für manche Täter, auch wenn wir das unheimliche manchmal wecken (sehe „uncanny Valley“) für neurotypische Menschen, versuchen wir ja Teil der Gesellschaft zu sein, und auch zu überleben, und wir versuchen mit unserer Mustererkennung und Wahrnehmung und Einsichtsfähigkeit klar zu kommen in sozialen Situationen.

Aber wenn wir nicht reflektieren was unsere instinktuale Reaktionen sind wenn wir Gefahr spüren oder vermuten, können wir wie der Kobra in der Fabel werden und beissen auch ohne wirklich in Gefahr zu sein, ohne Provokation.  Und wenn wir überfordert sind, oder haben Hunger oder fühlen uns Einsam oder sind wütend, kann es noch leichter passieren.  Oder wir rennen weg, verstecken uns, entwicklen Süchte wie Workaholism oder Sportsucht.  Oder starren ein, kommen nicht aus dem Bett.  Oder wir wollen nur gefallen und können keine Grenzen setzen oder uns überhaupt verteidigen.

Und wir Menschen sind ja bekannt für unsere Kriege, unser Rachesucht, für Nachtragend sein.  Wir nehmen einfach Dinge die wir meinen „unsere“ sind. Wir werden von Gier und Hass gesteuert in unserem Handeln, und wir schaden andere Wesen dabei. Wir geben anderen den Schuld, aber oft uns selbst auch.

 Wenn der Kobra ohne darüber nachzudenken alle andere Wesen gebissen hat, es hat sich selbst in Gefähr gebracht. Alle Dorfbewohner tragen Keulen wenn die im Wald sind, alle sind sofort bereits ihm beim ersten Anblick tot zu schlagen. Auch andere unschuldige Schlagen sind in Gefahr, aber auch Baumwürzeln, Lianen. Aber wenn der Kobra, der dann keine Lust mehr hat angegriffen zu werden, nur passiv da liegt, ist er auch in Gefahr.

Die weise Schlange in dem Fabel, der doch Zugang zu der buddhistische Lehre hatte, war auch in so einer Zwickmühle. Beissen hat nur mehr Aggression erzeugt, aber passiv bleiben und sich nicht verteidigen hat sie auch in Gefahr gebracht. Durch die Lehre lernte sie den mittleren Weg; sie konnte zischen um Angreifer weg zu scheuchen, und musste dabei niemanden verletzen oder die Situation eskalieren.

Lernen zu zischen und nicht zu beißen ist wie wir Menschen werden. Und wir müssen uns nicht rechtfertigen bei anderen Menschen sondern nach unserem eigenen Sinn richten. Wir wissen was richtig und falsch ist.

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